26news – Schweiz · Suisse · Svizzera · Switzerland

Gerold Späth ist tot: Der Schriftsteller, der Rapperswil zur Literatur machte

Der preisgekrönte Autor ist kurz vor seinem 87. Geburtstag gestorben. Mit seinem Werk gab er Rapperswil einen Platz in der Literatur. Eine geplante Ausstellung wird nun auch zum Ort der Erinnerung.

Redaktion 26news4 Min. Lesezeit
Die Schreibmaschine des Schriftstellers Gerold Späth.
Die Schreibmaschine des Schriftstellers Gerold Späth.

Gerold Späth ist kurz vor seinem 87. Geburtstag gestorben. Mit ihm verliert die Schweiz einen eigenwilligen Erzähler und Rapperswil jenen Schriftsteller, der die Stadt am Zürichsee weit über ihre geografischen Grenzen hinaus sichtbar machte. Eine bereits geplante Ausstellung erhält durch seinen Tod eine neue Bedeutung: Die Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk wird nun auch zum Abschied von dessen Schöpfer.

Späths Bedeutung für Rapperswil lässt sich nicht allein daran messen, wie oft der Ortsname mit seinem Namen verbunden wird. Er machte aus einer vertrauten Umgebung einen literarischen Raum. Das ist etwas anderes als ein getreues Stadtporträt: Literatur darf vergrössern, verzerren, erfinden und hinter Fassaden schauen. Gerade darin liegt ihre Kraft, einen Ort auch für Menschen lesbar zu machen, die ihn nie besucht haben.

Für die Stadt im Kanton St. Gallen ist sein Tod deshalb ein kultureller Einschnitt. Für die Schweizer Literatur bedeutet er den Verlust eines Autors, dessen Erzählen sich nicht auf einen gefälligen Blick auf die Heimat reduzieren liess. Späths Bücher stehen für eine Lust an der Sprache und für die Möglichkeit, vom Kleinen aus eine grössere Welt zu entwerfen.

Eine eigene Stimme in der Schweizer Literatur

Mit dem Roman «Unschlecht» trat Späth 1970 als Schriftsteller hervor. Bereits dieser Titel verweigert sich der glatten Formulierung: Er klingt vertraut und fremd zugleich. Später gehörte «Commedia», erschienen 1980, zu seinen wichtigen Büchern. Die beiden Werke markieren Stationen eines literarischen Schaffens, das sich durch erzählerische Eigenständigkeit auszeichnet.

Späths Prosa verbindet Sprachfülle mit der Lust am Grotesken. Sie ist keine Literatur, die ihre Figuren bloss ordentlich durch eine Handlung führt. Übertreibung, Komik und Abgründigkeit gehören zu ihren Ausdrucksmöglichkeiten. Das Erzählen darf ausschweifen; hinter dem Komischen kann etwas Bedrohliches hervortreten. Wer sich darauf einlässt, begegnet einer Welt, die nicht auf den ersten Blick überschaubar sein will.

Die Anerkennung blieb nicht aus. 1979 erhielt Späth den Petrarca-Preis. Diese Auszeichnung steht für die Wahrnehmung seines Werks über die unmittelbare Heimat hinaus. Sie erinnert zugleich daran, dass regionale Verwurzelung und literarischer Rang keine Gegensätze sind. Ein Schriftsteller muss seine Herkunft nicht hinter sich lassen, um ein Publikum jenseits der eigenen Stadt zu erreichen.

Rapperswil als Ausgangspunkt, nicht als Grenze

Rapperswil ist als Stadt am Zürichsee mit Schloss und historischer Altstadt leicht in Bildern zu fassen. Ein literarischer Ort entsteht jedoch nicht durch die Beschreibung von Sehenswürdigkeiten. Er entsteht durch Menschen, ihre Redeweisen, ihre Wünsche und die Spannungen ihres Zusammenlebens. Späths Bedeutung liegt darin, dass sich mit Rapperswil auch eine solche erzählte Welt verbindet.

Gerold Späth ist tot: Der Schriftsteller, der Rapperswil zur Literatur machte
Gerold Späth ist tot: Der Schriftsteller, der Rapperswil zur Literatur machte

Die Nähe zu einem Ort kann für einen Autor ein besonderer Erkenntnisraum sein. Wo die Verhältnisse vertraut sind, werden Unterschiede, Abhängigkeiten und Widersprüche sichtbar. Aus dieser Nähe muss keine Schonung entstehen. Gerade ein genauer Blick auf das Vertraute kann dessen vermeintliche Selbstverständlichkeit auflösen. Heimat wird dann nicht zur Kulisse, sondern zum Gegenstand der Auseinandersetzung.

Darin liegt auch die überregionale Bedeutung seines Werks. Die Schweiz besteht nicht nur aus ihren politischen und wirtschaftlichen Zentren. Ihre Literatur lebt ebenso von kleineren Städten und Landschaften, die durch einzelne Stimmen eine unverwechselbare Gestalt erhalten. Späth gab Rapperswil eine solche Stimme, ohne dass seine Bücher deshalb auf eine lokale Leserschaft beschränkt wären.

Eine Ausstellung unter veränderten Vorzeichen

Die geplante Ausstellung steht nach Späths Tod in einem anderen Licht. Was als Würdigung eines Schriftstellers vorgesehen war, wird nun zwangsläufig auch als Erinnerung an ihn gelesen werden. Das verändert zunächst die Erwartung des Publikums: Neben die Neugier auf das Werk tritt die Frage, was von einem literarischen Leben bleibt.

Dabei wäre es zu wenig, Späth lediglich als bedeutenden Namen der Stadtgeschichte zu behandeln. Eine Ausstellung über einen Schriftsteller kann mehr leisten als die Sicherung seines Platzes im kulturellen Gedächtnis. Sie kann zum Lesen hinführen und zeigen, weshalb Texte auch ausserhalb ihrer Entstehungszeit eine Begegnung lohnen. Gerade bei einer sprachlich eigenwilligen Prosa ist dieser Zugang wichtig.

Welche Akzente die Ausstellung setzen wird, ist damit nicht vorweggenommen. Durch den Tod des Autors entsteht aber eine zusätzliche Aufgabe für die öffentliche Erinnerung: die Person zu würdigen, ohne das Werk hinter dem Nachruf verschwinden zu lassen. Denn die Bücher sind mehr als Zeugnisse einer Biografie. In ihnen lässt sich Späths erzählerische Eigenart weiterhin unmittelbar erfahren.

Der Abschied führt zurück zu den Büchern

Für Rapperswil und die Schweizer Leserschaft beginnt die Erinnerung deshalb nicht erst mit einer Ausstellung. Sie kann mit der erneuten Lektüre eines bekannten Romans beginnen – oder mit der ersten Begegnung mit einem Autor, dessen Name bisher vertrauter war als seine Texte.

Gerold Späth hat Rapperswil einen Platz auf der literarischen Landkarte gegeben. Dieser Platz bleibt bestehen. Sein Tod schliesst ein Leben ab, nicht aber die Auseinandersetzung mit seinem Schreiben. Die stärkste Würdigung wird deshalb neben dem öffentlichen Gedenken immer auch eine stille sein: ein aufgeschlagenes Buch.

Das könnte Sie auch interessieren