Mailands Luxusboutiquen bleiben aus Angst geschlossen – die meisten Festgenommenen sind minderjährig
Nach zwei Tagen schwerer Ausschreitungen übersteigen die Schäden eine Million Euro. Während die Justiz Haftanträge prüft, warnen der Bürgermeister und beteiligte Jugendliche vor weiterer Gewalt.
Zerbrochene Schaufenster, geplünderte Geschäfte und die Angst vor neuen Angriffen: Nach schweren Ausschreitungen am Wochenende haben mehrere Luxusboutiquen im Zentrum von Mailand am Montag, 19. Oktober, ihre Türen geschlossen gehalten. Rund 50 Menschen wurden festgenommen, die grosse Mehrheit ist minderjährig. Die Schäden werden auf mehr als eine Million Euro geschätzt. Bürgermeister Giuseppe Sala fürchtet, dass die Spannungen noch nicht vorbei sind. Am Dienstag stehen weitere Befragungen und richterliche Entscheidungen an.
Betroffen waren unter anderem Geschäfte von Hermès, Chanel und Pomellato. In der Schadensschätzung enthalten sind zerstörte Scheiben, beschädigte Einrichtungen und gestohlene Waren. Entgangene Umsätze kommen hinzu. Für die Geschäfte geht es damit nicht nur um Reparaturen und den Ersatz von Waren, sondern auch um die Frage, wann sie wieder ohne Angst vor Plünderungen öffnen können.
Gewalt bis zum Domplatz
Die Ausschreitungen vom Samstag und Sonntag erfassten zentrale Einkaufsstrassen und reichten bis zur Piazza del Duomo. Jugendliche warfen Abfallkörbe, Container, Tische, Pflastersteine und Glasflaschen gegen die Polizei. Dabei wurden Polizeikräfte verletzt. Sala besuchte zusammen mit Carlo Sangalli, dem Präsidenten des Handelsverbands Confcommercio, verwüstete Geschäfte. Er bezeichnete das Verhalten als «inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen».
Am Samstag hatten sich Gruppen der Randalierenden unter die Teilnehmenden der bewilligten Kundgebung «Italia in piazza» gemischt. Am Sonntag kamen erneut Gruppen im Zentrum zusammen. Die Gewalt steht im Umfeld von Protesten gegen hohe Lebenshaltungskosten. Ein gemeinsames politisches Programm oder eine Organisation hinter den Angriffen ist bislang jedoch nicht erkennbar. Die friedliche Teilnahme an einer Demonstration ist dabei von der Beteiligung an Gewalttaten zu unterscheiden.
Ein Teil der Jugendlichen reiste von ausserhalb an, unter anderem aus Varese, Lecco, Novara und Turin sowie aus dem Mailänder Umland. Damit beschränkt sich die Aufarbeitung nicht auf einzelne Quartiere der Stadt. Welche Rolle Verabredungen im Internet spielten und wie die einzelnen Angriffe zustande kamen, gehört zu den offenen Fragen.
Minderjährige im Zentrum der Ermittlungen
Unter den rund 50 Festgenommenen sind lediglich elf Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren. Alle übrigen sind minderjährig. Insgesamt hat die Polizei in Mailand 220 Minderjährige vernommen. Diese Zahl ist nicht mit der Zahl der Festnahmen gleichzusetzen. Im Zusammenhang mit den Ausschreitungen beschäftigen die Ermittler auch Kinder im Alter von zwölf und dreizehn Jahren.
Die Staatsanwaltschaften für Erwachsene und Minderjährige ermitteln wegen Verwüstung und Plünderung sowie wegen Widerstands unter mehreren erschwerenden Umständen. Der italienische Straftatbestand der Verwüstung und Plünderung sieht grundsätzlich acht bis fünfzehn Jahre Haft vor. Daraus lässt sich jedoch keine konkrete Strafe für einzelne Beschuldigte ableiten; gerade bei Minderjährigen gelten besondere strafrechtliche Regeln.
Die Jugendstaatsanwaltschaft unter Luca Villa legte am Montag die ersten elf Anträge auf richterliche Bestätigung der Festnahmen und Anordnung vorsorglicher Massnahmen vor. Für Dienstag sind Befragungen im Jugendgefängnis Beccaria vorgesehen. Fünf erwachsene Beschuldigte wurden bereits am Montag im Gefängnis San Vittore angehört. Die entsprechende Entscheidung des Richters Fabrizio Filice wird am Dienstag erwartet.
Die Anklagebehörden begründen ihre Haftanträge mit der Schwere der Gewalt und einer konkreten Wiederholungsgefahr. Sie beschreiben eine aussergewöhnliche Bereitschaft zu plötzlichen Zerstörungsaktionen und mangelnde Selbstkontrolle. Ein 24-jähriger Beschuldigter bestreitet dagegen jede Beteiligung: Er habe nichts getan und sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Zwischen Geldsorgen und Rechtfertigung der Gewalt
Einige junge Männer, die nach ihrer Anhaltung wieder freikamen, rechtfertigen die Ausschreitungen mit fehlenden Zukunftsperspektiven. Der 18-jährige Italo-Albaner, der sich Lallo nennt, war mit seinem Bruder aus der Gegend von Bellano am Comersee angereist. Den Aufruf hatten sie über soziale Netzwerke erhalten. «Es ist der einzige Weg, sich Gehör zu verschaffen», sagt er über die Gewalt.
Ein anderer junger Mann, Alessandro, berichtet von Gelegenheitsarbeiten auf Baustellen und dem Wunsch nach einer festen Stelle. Er möchte später eine Familie gründen. Die jungen Männer nennen zu niedrige Löhne und das Gefühl, mit ihren Möglichkeiten nicht voranzukommen. Zugleich kündigen sie an, erneut auf die Strasse zu gehen, und stellen eine weitere Eskalation in Aussicht.
Diese Aussagen erklären nicht die Motive sämtlicher Beteiligter. Sie zeigen aber, wie einzelne Jugendliche wirtschaftliche Unsicherheit mit der Rechtfertigung von Zerstörung verbinden. Ihre politischen Selbstbeschreibungen unterscheiden sich: Alessandro bezeichnet sich als weit rechts, seine Begleiter denken anders. Einen gemeinsamen Anführer benennen sie nicht.
Politische Spannungen und der Blick aus der Schweiz
Vizepremier und Lega-Chef Matteo Salvini fordert eine weitere Verschärfung des Vorgehens gegen Gewalttäter. Auch bei einer Kundgebung des Mitte-rechts-Lagers auf dem Domplatz kam es zu Beschimpfungen, Geschrei und Schubsereien. Ein gegen Migranten gerichtetes Transparent verschärfte die Spannungen mit Jugendlichen, die sich dort versammelt hatten.
Für die Schweiz liegt die unmittelbare Verbindung in der Nähe: Mailand ist vom Tessin und über die Gotthardachse eng erreichbar und ein Ziel für Einkäufe, Geschäftsreisen und Kultur. Die geschlossenen Boutiquen betreffen damit auch Besucherinnen und Besucher aus der Schweiz. Aus den bisherigen Angaben lässt sich allerdings weder eine allgemeine Gefährdung von Reisenden noch eine Beeinträchtigung der grenzüberschreitenden Verbindungen ableiten.
Zunächst entscheiden die Gerichte über die beantragten Haftmassnahmen. Parallel müssen die Ermittlungen klären, wem welche Tat nachgewiesen werden kann. Für die Stadt und ihre Geschäfte bleibt entscheidend, ob weitere Angriffe verhindert werden können. Die bisherige Bilanz von Festnahmen und Schäden ist noch vorläufig.
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