Bei minus 20 Grad: Genf sichert Samen von fast 800 bedrohten Pflanzenarten
Die Samenbank des Botanischen Gartens Genf bewahrt einen Teil der bedrohten Schweizer Flora. Doch Einfrieren allein reicht nicht: Aus den Samen müssen wieder Pflanzen wachsen können.

Im Botanischen Garten Genf lagern bei minus 20 Grad Samen von fast 800 bedrohten Pflanzenarten aus der ganzen Schweiz. Die Sammlung soll verhindern, dass mit den letzten wild wachsenden Exemplaren auch jede Möglichkeit verschwindet, eine Art zu erhalten. Wie anspruchsvoll diese Arbeit ist, schilderte der verantwortliche Konservator Andreas Ensslin am Montag, 19. Oktober: Erst nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang es seinem Team, rund fünfzig Exemplare einer in der Schweiz vom Aussterben bedrohten Steinbrech-Art heranzuziehen.
Die kleine Blume wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Für die Fachleute steht sie jedoch für eine zentrale Frage des Artenschutzes: Wie lässt sich eine Pflanze für die Zukunft sichern, wenn sie in der Natur immer seltener wird? In Genf lautet die Antwort nicht nur sammeln und einfrieren. Ebenso wichtig ist das Wissen darüber, unter welchen Bedingungen aus einem aufbewahrten Samen wieder eine lebensfähige Pflanze entsteht.
Ein kalter Tresor für die Schweizer Flora
Seit 25 Jahren werden für die Genfer Samenbank Samen gesammelt. Inzwischen bewahrt der Botanische Garten damit nahezu die Hälfte der in der Schweiz bedrohten Pflanzenarten auf. Das ist eine bedeutende Reserve, aber noch keine vollständige Absicherung. Ensslins Ziel ist es, sämtliche bedrohten Arten der Schweiz in einer Samenbank zu erhalten.
Der Standort liegt in Genf, die Aufgabe reicht weit über den Kanton hinaus. Die eingelagerten Samen stammen aus der ganzen Schweiz. Die Sammlung ist damit ein gemeinsamer Vorrat für eine Flora, deren natürliche Standorte unter Druck stehen. Zu den Gefährdungen gehören die fortschreitende Überbauung und der Klimawandel.
Eine Samenbank folgt dabei einem anderen Prinzip als der Schutz eines Lebensraums. Sie bewahrt Pflanzenmaterial ausserhalb des natürlichen Standorts. Das schafft eine zusätzliche Sicherung, falls eine Population in der Natur verschwindet. Den Lebensraum selbst kann sie allerdings nicht ersetzen: Boden, Wasserhaushalt, Klima und das Zusammenspiel mit anderen Lebewesen lassen sich nicht zusammen mit den Samen in ein Gefrierfach legen.
Vor der Kälte kommt die Handarbeit
Am Anfang steht die Sammlung im Gelände. Was anschliessend in der Samenbank eintrifft, ist noch nicht bereit für die langfristige Lagerung. Zunächst müssen die Samen aus den gesammelten Pflanzenproben herausgelöst und sorgfältig von anderem Material getrennt werden. Diese Arbeit verlangt Genauigkeit, bevor überhaupt an das Einfrieren zu denken ist.
Die technische Mitarbeiterin Maya Wells reinigt solche Proben. Sie bearbeitet dabei auch Material, das ein Kollege in der Vorwoche gesammelt hat. Ihr Arbeitsschritt hat einen klaren Zweck: Erst wenn ausschliesslich Samen übrig bleiben, lassen sie sich exakt zählen. Die unscheinbare Vorbereitung gehört damit zur Grundlage einer Sammlung, die später gezielt für den Artenschutz eingesetzt werden soll.
Anschliessend werden die Samen für die Lagerung vorbereitet und getrocknet. Dieser Feuchtigkeitsentzug ist wesentlich, um ihre Alterung zu verlangsamen. Erst das Zusammenspiel von sorgfältiger Aufbereitung, Trocknung und tiefer Lagertemperatur macht aus einer frischen Sammlung eine Reserve für die Zukunft. Der eisige Tresor ist also nur der sichtbarste Teil eines längeren Verfahrens.
Entscheidend ist, was wieder keimt
Mit dem Einlagern ist die wissenschaftliche Arbeit nicht abgeschlossen. Die Fachleute prüfen auch die Qualität der Samen und untersuchen ihre Keimung. Wer sie eines Tages für Erhaltungsmassnahmen nutzen will, muss wissen, wie sich die jeweilige Art zum Wachsen bringen lässt. Eine sauber beschriftete und gut gekühlte Probe allein beantwortet diese Frage noch nicht.
Das zeigt die bedrohte Steinbrech-Art besonders deutlich. Nach Ensslins Schilderung erwies sie sich als sehr schwierig zu kultivieren. Mehrere Versuche blieben erfolglos, und die Samen keimten nur schlecht. Dass schliesslich rund fünfzig Pflanzen heranwuchsen, ist deshalb mehr als ein erfreuliches Ergebnis im Garten: Es liefert praktische Erfahrung im Umgang mit einer Art, deren Erhaltung schwierig ist.
Ensslin möchte diese Steinbrech-Art eines Tages im Jura blühen sehen. Ein konkreter Termin oder ein angekündigtes Auspflanzungsprojekt ist damit nicht verbunden. Der Wunsch beschreibt vielmehr die Richtung der Arbeit: Die Samen sollen nicht bloss dauerhaft in der Kälte verschwinden, sondern Möglichkeiten offenhalten, bedrohte Pflanzen auch künftig lebend zu erhalten.
Eine Reserve, kein Ersatz für die Natur
Für die Schweiz geht es dabei um mehr als seltene Blüten. Pflanzen sind Teil ökologischer Zusammenhänge, von denen auch Menschen profitieren. Ensslin verweist auf die Bestäubung sowie die Reinigung von Wasser und Luft. Der Verlust pflanzlicher Vielfalt betrifft deshalb nicht allein die Schönheit einer Landschaft, sondern auch die Funktionen ihrer Lebensräume.
Die Genfer Sammlung kann Zeit gewinnen und Handlungsmöglichkeiten bewahren. Sie hebt aber die Ursachen des Artenrückgangs nicht auf. Wo geeignete Standorte verloren gehen oder sich ihre Bedingungen stark verändern, bleibt der Schutz in der Natur unverzichtbar. Samenbank und Lebensraumschutz erfüllen unterschiedliche Aufgaben, die einander ergänzen.
Als nächste grosse Aufgabe bleibt, die Lücken in der Sammlung zu schliessen und weitere bedrohte Schweizer Arten zu sichern. Gleichzeitig muss das Wissen über ihre Keimung wachsen. Der Erfolg mit den rund fünfzig Steinbrech-Pflanzen zeigt, warum beides zusammengehört: Erst wenn aus der tiefgekühlten Reserve wieder Leben entsteht, wird ihr Wert für den Artenschutz greifbar.
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