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Mehr als Banken und Wohlstand: Daniel de Roulet erzählt die rebellische Schweiz

Drei Freunde, geboren 1943 in Davos, wollen die Welt verändern. In «Trois garçons» verfolgt Daniel de Roulet ihre Wege durch fast 80 Jahre Schweizer Geschichte – und rückt jene ins Zentrum, die sich mit dem Bestehenden nicht abfinden.

Redaktion 26news3 Min. Lesezeit
Schwarzsee bei Laret in der Gemeinde Davos, Graubünden.
Schwarzsee bei Laret in der Gemeinde Davos, Graubünden.

Drei Buben kommen 1943 in Davos zur Welt, wachsen unter unterschiedlichen Bedingungen auf und teilen später den Wunsch, die Welt zu verändern. In seinem neuen Roman «Trois garçons» verfolgt Daniel de Roulet die Lebenswege von Max, Fabio und Wolfgang durch fast 80 Jahre Schweizer Geschichte. Im Mittelpunkt stehen nicht wirtschaftliche Erfolgsgeschichten oder staatliche Institutionen, sondern Freundschaft, soziale Kämpfe und die Frage, was von politischen Idealen über ein langes Leben hinweg bleibt.

Max ist der Sohn eines französischsprachigen Hoteliers, Fabio stammt aus einer bescheidenen italienischen Familie, Wolfgang aus der Deutschschweiz. Diese Konstellation verbindet sprachliche Vielfalt mit sozialen Unterschieden. Die drei gehören zum selben Jahrgang und zum selben Ausgangsort, bringen aber unterschiedliche Voraussetzungen mit. Gerade darin liegt der Ansatz des Romans: Die Schweiz ist kein einheitlicher Erfahrungsraum, auch dann nicht, wenn ihre Bewohner dieselben historischen Jahrzehnte durchleben.

Davos als Schweiz im Kleinen

Dass die Geschichte in Davos beginnt, ist kein beiläufiges Detail. Für de Roulet verdichten sich in dem Bündner Ort die Widersprüche des Landes. Der Tourismusort steht für internationale Offenheit und wirtschaftlichen Erfolg, mit dem Weltwirtschaftsforum WEF aber ebenso für die Macht globaler Wirtschaftsakteure. Zugleich wurde Davos zum Schauplatz des Widerstands gegen diese Ordnung. Begegnung und Abgrenzung, Wohlstand und Protest liegen hier nahe beieinander.

Der Ort bringt zudem eine literarische Vorgeschichte mit. Thomas Mann machte die Davoser Sanatoriumswelt in «Der Zauberberg» zum Schauplatz einer europäischen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg. De Roulet setzt einen anderen Schwerpunkt: Ihn interessiert Davos als Mikrokosmos der Schweiz, als überschaubarer Raum, in dem sich grössere gesellschaftliche Spannungen erkennen lassen. Aus dem Geburtsort seiner Figuren wird damit mehr als eine Kulisse.

Die Herkunft der drei Freunde macht diese Spannungen auch im Privaten sichtbar. Zwischen einem Hoteliershaushalt und einer italienischen Familie mit wenig Geld liegen unterschiedliche Zugänge zum Wohlstand. Der gemeinsame Wunsch nach Veränderung hebt diese Unterschiede nicht auf. Er verbindet jedoch Menschen, deren Verhältnis zur Schweiz nicht von vornherein dasselbe ist. Damit erhält die politische Geschichte eine persönliche und soziale Grundlage.

Ein Gegenentwurf zur Erfolgsgeschichte

Die Wege der Freunde kreuzen die Protestbewegungen der Nachkriegszeit, feministische Kämpfe, den Widerstand gegen die Atomenergie und die globalisierungskritische Bewegung. Später kommen ökologische Auseinandersetzungen hinzu. Über die Jahrzehnte bleiben sie ihren Idealen verbunden. Der Roman stellt damit eine Frage, die über einen einzelnen politischen Aufbruch hinausreicht: Wie verändert sich Engagement, wenn die Beteiligten älter werden und sich zugleich die Konflikte verschieben?

De Roulet will jene Erfahrungen erzählen, die in einer auf Stabilität und Prosperität ausgerichteten Darstellung des Landes leicht an den Rand geraten. Seine Perspektive richtet sich auf die Geschichte von unten: auf soziale Bewegungen und Menschen, die nicht gleichermassen vom Wohlstand profitiert haben. Banken und grosse Rohstoffunternehmen sollen in diesem Bild der Schweiz nicht das letzte Wort haben.

Dazu gehören auch Konflikte, die das Selbstverständnis des Landes erschütterten: die Fichenaffäre, die Auseinandersetzungen um nachrichtenlose Vermögen und die Demonstrationen gegen das WEF. Diese Themen betreffen unterschiedliche Bereiche – staatliche Überwachung, historische Verantwortung und globale Wirtschaftsmacht. Zusammen zeigen sie, wie oft das Verhältnis zwischen dem offiziellen Bild der Schweiz und den Erfahrungen ihrer Bevölkerung neu verhandelt werden musste.

Politische Ideale beginnen auch zu Hause

Der gesellschaftliche Wandel spielt sich bei de Roulet nicht nur auf der Strasse ab. «Trois garçons» beschäftigt sich auch damit, wie sich das Verhältnis von Männern zum Feminismus entwickelt. Der Bogen reicht von der stark nach Geschlechtern getrennten Erziehung der 1950er-Jahre über die Aufteilung der Hausarbeit bis zu #MeToo und heutigen Geschlechterdebatten. Damit rückt der Roman die private Seite politischer Überzeugungen in den Blick.

Für eine Geschichte über drei männliche Freunde ist das ein wichtiger Perspektivenwechsel. Wer eine gerechtere Gesellschaft anstrebt, ist auch mit den Rollenbildern konfrontiert, die er selbst mitbringt. Die Frage nach Veränderung betrifft deshalb nicht allein Institutionen oder wirtschaftliche Verhältnisse. Sie berührt ebenso das Zusammenleben und die Verteilung alltäglicher Aufgaben. Politische und kulturelle Umbrüche lassen sich hier kaum voneinander trennen.

Nach dem Rückzug ein neuer Frühling

De Roulet gliedert den Roman in fünf Jahreszeiten. Diese Anlage steht für die wechselnden Phasen des Protests: Auf Aufbrüche folgen Rückschläge oder Rückzug, später entstehen neue Bewegungen. Der letzte «Frühling» führt zu jüngeren Klimamobilisierungen und zur Besetzung des Mormont-Hügels im Kanton Waadt. Für den Autor zeigen solche Bewegungen, dass bürgerschaftliches Engagement seine Kraft nicht verloren hat.

So verbindet «Trois garçons» die Lebensgeschichte eines Jahrgangs mit der Frage nach politischer Weitergabe. Neue Generationen übernehmen nicht einfach die Kämpfe ihrer Vorgänger, begegnen aber verwandten Fragen nach Macht, Gerechtigkeit und Verantwortung. De Roulets Leitgedanke lautet, dass die Gegenwart ohne die Erfahrungen anderer und ohne die eigene Vergangenheit unverständlich bleibt. Sein Roman richtet den Blick deshalb auf eine Schweiz, deren Geschichte auch aus beharrlichem Widerspruch besteht.

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