Welt steuert auf 2,8 Grad Erwärmung zu – selbst Klimaversprechen reichen nicht
Die aktuelle Klimapolitik führt bis Ende Jahrhundert weit über das Pariser Temperaturziel hinaus. Für die Schweiz verschärft das die Risiken durch Hitze, Gletscherschwund und tauenden Permafrost.
Die Welt steuert mit ihrer heutigen Klimapolitik auf eine Erwärmung von 2,8 Grad bis Ende dieses Jahrhunderts zu. Das zeigt die am Mittwoch, 21. Oktober, veröffentlichte Berechnung des UNO-Umweltprogramms UNEP mit Sitz in Nairobi. Selbst wenn sämtliche angekündigten Klimaschutzmassnahmen umgesetzt würden, läge der Temperaturanstieg bei 2,6 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit. Für die Schweiz als Alpenland steht damit viel auf dem Spiel: Eine weitere Erwärmung belastet die Gesundheit, verändert den Wasserhaushalt und erhöht die Risiken im Gebirge.
Die zentrale Botschaft lautet: Die bisherigen Anstrengungen reichen nicht, und politische Rückschritte wirken sich auf die weltweite Temperaturperspektive aus. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Prognose unter der heutigen Politik nicht verbessert. Beim Szenario mit allen angekündigten Massnahmen hat sie sich sogar verschlechtert: Damals lag die erwartete Erwärmung bei bis zu 2,5 Grad.
Drei Szenarien, keines erreicht das Ziel
Die verschiedenen Temperaturwerte beschreiben unterschiedliche Voraussetzungen. Die 2,8 Grad ergeben sich aus der bestehenden Klimapolitik. Die 2,6 Grad setzen voraus, dass die Staaten ihre angekündigten Massnahmen tatsächlich verwirklichen. Im optimistischsten berechneten Szenario erfüllen alle Länder zusätzlich ihre angestrebten Klimaneutralitätsziele. Doch auch dann würde sich die Erde bis 2100 um 2,1 Grad erwärmen.
Diese Unterscheidung ist entscheidend: Ein langfristiges Versprechen senkt noch keine Emissionen. Dafür braucht es konkrete Veränderungen bei Energieversorgung, Verkehr, Gebäuden und Industrie. Die Berechnungen sind deshalb keine unabwendbaren Vorhersagen, sondern zeigen, wohin unterschiedliche politische und wirtschaftliche Entwicklungen führen könnten.
Dass sich die Aussicht bei den angekündigten Massnahmen verschlechtert hat, liegt vor allem an den USA. Unter Präsident Donald Trump haben sie sich von ihren vorherigen Klimaschutzplänen verabschiedet. Als weltweit zweitgrösster Verursacher von Treibhausgasen nach China beeinflussen sie die globale Bilanz erheblich. Hinzu kommt, dass die Daten zum bisherigen Treibhausgasausstoss nach oben korrigiert wurden.
Das Pariser Klimaabkommen von 2015 sieht vor, die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen und Anstrengungen für höchstens 1,5 Grad zu unternehmen. Selbst das günstigste der berechneten Szenarien liegt darüber.
Warum jedes Zehntelgrad zählt
Die 1,5-Grad-Marke ist allerdings noch nicht im Sinne des langfristigen Klimaziels überschritten. Entscheidend ist dafür eine anhaltende Erwärmung, nicht ein einzelnes besonders heisses Jahr. Für den Zeitraum von 2023 bis 2025 weist der europäische Klimawandeldienst Copernicus erstmals über drei Jahre hinweg eine durchschnittliche Erwärmung von mehr als 1,5 Grad aus. Das ist ein Warnsignal, aber nicht dasselbe wie ein langfristiges Überschreiten der Grenze.
Fachleute gehen inzwischen überwiegend davon aus, dass sich diese Überschreitung nicht mehr vermeiden lässt. Damit rückt eine zweite Aufgabe in den Vordergrund: Sie soll möglichst gering ausfallen und möglichst kurz dauern. Anschliessend müsste die globale Temperatur wieder sinken.

«Eine Überschreitung bedeutet keine Kapitulation. Wir können sie immer noch so gering und so kurz wie möglich halten – und die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unter 1.5 Grad senken», betont UNO-Generalsekretär António Guterres.
Dafür wären massive Einschnitte nötig. Gegenüber 2025 müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2030 um 18 Prozent, bis 2035 um 45 Prozent und bis 2040 um 69 Prozent sinken. Selbst bei vollständiger Umsetzung der geplanten Massnahmen wäre bis 2030 jedoch nur ein Rückgang um bis zu acht Prozent und bis 2035 um bis zu 15 Prozent zu erwarten. Zusätzlich müssten grosse Mengen CO₂ aus der Atmosphäre entfernt werden.
Was die Erwärmung für die Schweiz bedeutet
Ein globaler Temperaturanstieg verteilt sich nicht gleichmässig über die Erde. Die Schweiz hat sich bereits stärker erwärmt als der weltweite Durchschnitt. Die globale Marke von 2,8 Grad lässt sich deshalb nicht als gleich hoher Temperaturanstieg für jeden Schweizer Ort lesen.
Die Folgen betreffen sowohl Städte als auch Bergregionen. Hitzewellen belasten insbesondere ältere Menschen, chronisch Kranke und Personen, die im Freien arbeiten. In dicht bebauten Quartieren speichern Gebäude und Strassen Wärme; fehlende nächtliche Abkühlung verschärft die gesundheitliche Belastung.
In den Alpen verändern schrumpfende Gletscher den jahreszeitlichen Wasserhaushalt. Tauender Permafrost kann Felsflanken destabilisieren und damit Verkehrswege, Siedlungen und touristische Infrastruktur gefährden. Weniger verlässliche Schneeverhältnisse setzen zudem den Wintertourismus unter Anpassungsdruck. Nicht jedes einzelne Naturereignis lässt sich allein dem Klimawandel zuschreiben. Eine wärmere Atmosphäre und veränderte Bedingungen im Gebirge beeinflussen jedoch die Risiken.
Die Schweiz hat das Ziel, bis 2050 netto null Treibhausgasemissionen zu erreichen, gesetzlich verankert. Wie stark sich das Land künftig erwärmt, hängt zugleich wesentlich von der weltweiten Entwicklung ab. Eigener Klimaschutz und die Vorbereitung auf unvermeidbare Folgen bleiben deshalb parallele Aufgaben.
Vor dem Klimagipfel wächst der Handlungsdruck
Trotz der grossen Lücke verweist UNEP-Direktorin Inger Andersen auf Fortschritte: Erneuerbare Energien wurden seit dem Pariser Abkommen deutlich schneller ausgebaut als erwartet, besonders die Photovoltaik. Technische Veränderungen sind also möglich. Sie müssen sich jedoch rascher in sinkenden Emissionen niederschlagen.
Die nächste politische Gelegenheit bietet die bevorstehende Weltklimakonferenz im türkischen Antalya. Die Konferenzleitung wirbt für ein weltweites Elektrifizierungsziel. Entscheidend bleibt dabei, wie der zusätzliche Strom erzeugt wird: Elektrifizierung hilft dem Klimaschutz vor allem dann, wenn sie fossile Energien durch emissionsarme Versorgung ersetzt. Ebenso zentral ist die Finanzierung von Klimaschutz und Anpassung in Entwicklungsländern. An diesen Fragen wird sich zeigen, ob aus langfristigen Zusagen rechtzeitig wirksame Massnahmen werden.
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