Nicht einfach faul: Genfer Forscher untersuchen, wann sich Anstrengung lohnt
Wie viel Energie wir investieren, hängt auch vom erwarteten Nutzen ab. An der Universität Genf wird erforscht, was Motivation antreibt – und weshalb sie bei Depressionen fehlen kann.

Wer eine Aufgabe vor sich herschiebt, gilt schnell als faul. Doch dieser Vorwurf greift oft zu kurz: Am Geneva Motivation Lab der Universität Genf untersuchen Psychologen derzeit, wie Menschen entscheiden, wofür sie ihre Energie einsetzen. Dafür messen sie unter anderem die Herzaktivität bei geistiger Anstrengung. Langfristig soll die Forschung Menschen helfen, denen es an Motivation fehlt – insbesondere bei einer Depression.
Im Zentrum steht eine alltägliche Abwägung: Wie viel Kraft verlangt eine Tätigkeit, und welchen Nutzen verspricht sie? Für Guido Gendolla, Psychologieprofessor an der Universität Genf, ist der Mensch nicht von Natur aus faul. Vielmehr richtet er seinen Einsatz danach aus, was er sich davon erhofft. Bleibt der erwartete Gewinn gering, erscheint auch die Anstrengung weniger lohnend.
Energie einsetzen, ohne zu viel zu bezahlen
Gendolla vergleicht Anstrengung mit Geld: Beides sind Ressourcen, die man ausgeben kann, aber nicht um jeden Preis. «Wir geben nicht ungern Geld aus, aber wir wollen für etwas nicht zu viel bezahlen», erklärt er. Zurückhaltung bedeutet in diesem Verständnis also nicht grundsätzlich, dass jemand jede Mühe vermeiden möchte. Sie kann auch ausdrücken, dass Aufwand und erwarteter Ertrag nicht zusammenpassen.
Menschen seien durchaus bereit, viel Energie aufzuwenden, wenn sich der Einsatz aus ihrer Sicht rechtfertige. Verschiedene Studien zeigen zudem, dass Anstrengung selbst positive Gefühle auslösen kann. Entscheidend ist dabei, dass sie als gerechtfertigt wahrgenommen wird. Mühe und Freude sind somit keine Gegensätze: Eine anspruchsvolle Tätigkeit kann befriedigend sein, obwohl sie Kraft kostet.
Vor und während einer Aufgabe steht deshalb eine Art Kosten-Nutzen-Abwägung. Daraus ergeben sich unterschiedliche Entscheidungen: weitermachen, aufhören oder gar nicht erst beginnen. Wer absolut überzeugt ist, dass Erfolg unmöglich ist, sieht unter Umständen keinen Grund, überhaupt Energie zu investieren. Der Blick auf diese Einschätzung erklärt mehr als das pauschale Etikett «faul».
Warum Aufräumen schwerer fällt als Tanzen
Bei kleinen Kindern beobachtet Gendolla keine grundsätzliche Neigung, Anstrengungen auszuweichen. Sie gehen spontan vielen Tätigkeiten nach. Dieses Verhalten könnte ihre Entwicklung begünstigen. Mit zunehmendem Alter lernen Menschen dagegen, ihre Kräfte einzuteilen. Für den Psychologen ist das nicht zwingend ein Verlust an Tatendrang, sondern auch ein vernünftiger Umgang mit begrenzten Ressourcen.
Ähnlich lässt sich das Verhalten von Jugendlichen betrachten. Wer sein Zimmer nicht aufräumen will, muss deshalb nicht generell antriebslos sein. Vielleicht erscheint ihm gerade diese Aufgabe wenig interessant. Derselbe Jugendliche kann bereit sein, eine ganze Nacht zu tanzen und sich zu vergnügen – obwohl auch das körperlichen Einsatz verlangt.
Für den Alltag in Schweizer Familien eröffnet diese Unterscheidung einen anderen Blick auf vertraute Konflikte. Die Frage lautet dann nicht nur, weshalb jemand nichts tut, sondern auch, welchen Sinn oder Nutzen er in einer bestimmten Tätigkeit erkennt. Das Beispiel erklärt allerdings zunächst einen möglichen Motivationsunterschied. Es macht aus ungeliebten Pflichten nicht automatisch attraktive Aufgaben.
Was das Herz über geistigen Einsatz verrät
Um mentale Anstrengung zu erfassen, setzt das Genfer Team nicht allein auf Beschreibungen des eigenen Erlebens. Versuchspersonen tragen Sensoren am Hals und am Brustkorb. Damit verfolgen die Forschenden die Reaktion des Herzens und untersuchen körperliche Vorgänge, die mit der Mobilisierung von Energie verbunden sind.
Ein wichtiger Messwert ist die sogenannte Präejektionsperiode. Nicolas Silvestrini, Forscher am Labor, beschreibt damit die Zeitspanne zwischen der Aktivierung der linken Herzkammer und dem tatsächlichen Ausstoss des Blutes in die Aorta. Verkürzt sich dieses Intervall, wird dies als Zeichen dafür interpretiert, dass der Organismus mehr Ressourcen mobilisiert und die Anstrengung zunimmt.
Die Messung soll dazu beitragen, die psychologischen Grundlagen der Motivation besser zu verstehen. Sie liefert einen körperlichen Hinweis auf den Einsatz bei einer Aufgabe. Im Mittelpunkt steht damit nicht ein moralisches Urteil über Fleiss oder Faulheit, sondern die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen ihre verfügbaren Kräfte stärker oder schwächer einsetzen.
Wenn selbst der Weg zur Behandlung schwerfällt
Besonders bedeutsam wird diese Frage bei Depressionen. Silvestrini verweist auf ausgeprägte Motivationsdefizite, die bei betroffenen Menschen beobachtet werden. Selbst eine scheinbar einfache Handlung kann dann sehr schwerfallen: etwa die Wohnung zu verlassen, um einen Psychologen oder eine Psychiaterin aufzusuchen. Fehlende Motivation kann somit gerade den Schritt erschweren, der zu professioneller Hilfe führt.
Hinzu kommt laut Gendolla, dass Menschen mit einer Depression tendenziell weniger empfindlich auf Belohnungen reagieren. Dadurch werde es besonders schwierig, eine Rechtfertigung für die nötige Anstrengung zu finden. Das langfristige Ziel der Genfer Forschung ist deshalb, Möglichkeiten zur Stärkung der Motivation zu erschliessen. Zunächst müssen die Einflussfaktoren genauer bestimmt werden; darauf sollen gezielte Untersuchungen mit depressiven Patienten aufbauen.
Eine alltagsnahe Perspektive ergänzt Ludovic Maggioni, Direktor des Naturhistorischen Museums Neuenburg. Unter Bezug auf die Forschung von Boris Cheval vergleicht er Motivation mit einem trainierbaren Muskel: Die ersten Anstrengungen seien die schwierigsten. Er empfiehlt, Tätigkeiten mit einer positiven Erfahrung abzuschliessen. Bleiben die letzten Minuten angenehm in Erinnerung, könne das die Bereitschaft erhöhen, die Aktivität zu wiederholen. Das ist ein Ansatz für den Alltag – die Suche nach gezielter Hilfe bei depressionsbedingten Motivationsdefiziten bleibt eine Forschungsaufgabe.
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