Genug Wasser, doch nicht überall: Warum Schweizer Gemeinden neue Leitungen brauchen
Versiegende Quellen und chemische Belastungen setzen kleine Wasserversorgungen unter Druck. Zwei Fachverbände fordern mehr Verbindungen zwischen Gemeinden – und einen anderen Umgang mit Regen.

Die Schweiz verfügt über genügend Wasser – und trotzdem gerät die Trinkwasserversorgung einzelner Gemeinden unter Druck. Nach dem regenarmen Sommer warnen der Fachverband für Wasser, Gas und Wärme (SVGW) und der Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) vor wachsenden Risiken für die lokale Versorgung. Ihre Forderungen betreffen Leitungen zwischen Ortschaften ebenso wie Dächer, Grünflächen und den Umgang mit Niederschlägen: Wasser soll besser verteilt werden und dort bleiben können, wo es fällt.
Was für die Bevölkerung im Alltag selbstverständlich ist, wird damit zunehmend zu einer Aufgabe, die über Gemeindegrenzen hinausreicht. Eine Ortschaft kann von Wasserknappheit betroffen sein, obwohl landesweit ausreichend Reserven vorhanden sind. Entscheidend ist nicht allein die Gesamtmenge, sondern ob sauberes Wasser am richtigen Ort verfügbar ist – auch dann, wenn eine Quelle versiegt oder eine Fassung wegen Verunreinigungen ausfällt.
Kleine Versorgungen brauchen Alternativen
Rund 2400 Einrichtungen sichern in der Schweiz die Trinkwasserversorgung. Meist handelt es sich um Gemeindebetriebe oder Genossenschaften. Mehr als die Hälfte versorgt Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern mit lokal gewonnenem Wasser. Diese kleinteilige Struktur ist für den SVGW grundsätzlich eine Stärke: Eine dezentrale, miteinander vernetzte Versorgung kann widerstandsfähig sein.
Doch gerade bei kleinen Versorgungen zeigt sich, wie entscheidend die Vernetzung tatsächlich ist. Im regenarmen Sommer sind Quellen versiegt, insbesondere in Bergregionen. Immer mehr kleine, aus Quellwasser gespeiste Versorgungen müssen schliessen. Wer nur auf eine einzige Quelle zurückgreifen kann, hat bei deren Ausfall keine eigene Alternative.
SVGW-Direktor Michael Meier betont deshalb, dass Gemeinden nicht von einer einzigen Bezugsquelle abhängig sein sollten. Zusätzliche Verbindungsleitungen sollen ermöglichen, dass benachbarte Versorgungen einander bei Knappheit aushelfen. Das Wasser müsste damit nicht zwingend am Wohnort gewonnen werden, um dort zuverlässig aus dem Hahn zu kommen.
Der Verband verlangt, den Ausbau solcher Leitungen weiter voranzutreiben. Dafür brauche es auch Geld der öffentlichen Hand. Für die Gemeinden geht es folglich nicht nur um den Betrieb ihrer bestehenden Anlagen, sondern um Investitionen und eine Planung, die den Wasserbedarf über das eigene Versorgungsgebiet hinaus betrachtet. Eine Verbindung zur Nachbargemeinde kann eine Reserve erschliessen, die lokal fehlt.
Wenn die Wasserqualität zur Hürde wird
Neben der Trockenheit belasten chemische Verunreinigungen die kleinen Versorgungen. Der SVGW nennt insbesondere Nitrat und Abbauprodukte von Pestiziden. Damit entsteht ein zweites Problem: Selbst wenn eine Quelle oder ein Grundwasservorkommen genügend Wasser liefert, ist dieses nicht automatisch ohne Weiteres als Trinkwasser nutzbar.
Nach Einschätzung des Verbands lässt sich chemisch belastetes Wasser teilweise nicht mehr sicher aufbereiten. Wo eine Behandlung möglich ist, braucht es mitunter spezielle Anlagen. Diese sind teuer und benötigen viel Energie sowie Fachpersonal. Für kleine Betriebe wird die Aufbereitung damit zu einer erheblichen finanziellen und betrieblichen Herausforderung.
Zugleich kritisiert der SVGW, dass vorsorglich tief angesetzte Höchstwerte manche kleinen Versorgungen zur Schliessung zwängen, obwohl die betreffenden Stoffe in diesen Konzentrationen aus seiner Sicht nicht gesundheitsschädlich seien. Das ist eine Einschätzung des Verbands, keine pauschale Entwarnung für chemische Belastungen. Die Frage, welche Anforderungen Trinkwasser erfüllen muss, ist von der Frage zu unterscheiden, wie ein kleiner Betrieb deren Einhaltung finanzieren kann.
Die Verbände beschreiben somit keine landesweite Trinkwassernot. Ihre Warnung richtet sich auf lokale Schwachstellen: auf fehlende Ausweichmöglichkeiten, versiegende Quellen und Wasser, dessen Nutzung durch Verunreinigungen erschwert wird. Gerade diese Kombination kann einzelne Gemeinden treffen, ohne dass der Schweiz insgesamt das Wasser ausgeht.
Regen behalten statt rasch ableiten
Der zweite Ansatz beginnt lange bevor Wasser gefasst und durch Leitungen transportiert wird. VSA-Co-Präsidentin Anja Herlyn fordert einen grundlegenden Wechsel im Umgang mit Niederschlägen: «Bisher haben wir uns gefragt, wie wir den Regen loswerden können. Jetzt sagen wir: Wie können wir ihn behalten?»
Auf bebauten und landwirtschaftlich genutzten Flächen fliesst viel Wasser ab, statt im Boden zu versickern. Nach Angaben des VSA kann der Abfluss bis zu zehnmal grösser sein als beispielsweise auf Waldboden. Wasser, das rasch abgeleitet wird, fehlt am Ort des Niederschlags: den Böden, den Pflanzen und Tieren, aber auch für die Kühlung.
Gleichzeitig können starke Regenfälle nach langen Trockenperioden grosse Schäden anrichten. Ausgetrocknete Böden nehmen Wasser mitunter schlecht auf; versiegelte Flächen lassen es nicht versickern. Viel Regen in kurzer Zeit löst deshalb nicht automatisch die Probleme, die zuvor durch fehlenden Niederschlag entstanden sind.
Was sich in den Gemeinden ändern soll
Der VSA nennt konkrete Möglichkeiten, mehr Wasser vor Ort zurückzuhalten. Dazu gehören begrünte Flachdächer und Fassaden. Regenwasser von Dächern könnte zudem über Rohre auf benachbarte Grünflächen geleitet werden, statt unmittelbar in der Kanalisation zu verschwinden.
Für Schweizer Gemeinden ergeben sich daraus zwei miteinander verbundene Aufgaben. Sie sollen ihre Trinkwasserversorgung durch zusätzliche Bezugswege absichern und zugleich ihre Flächen so gestalten, dass Niederschläge lokal besser genutzt werden können. Neue Leitungen helfen beim Verteilen; ein anderer Umgang mit Regen hilft beim Zurückhalten.
Die Forderungen der Verbände sind noch kein beschlossenes Ausbauprogramm. Im nächsten Schritt geht es um Planung, Zusammenarbeit und Finanzierung. Die Herausforderung liegt darin, Vorsorge zu treffen, bevor die einzige Quelle ausfällt. Denn der Wasserreichtum der Schweiz allein garantiert noch keine sichere Versorgung jeder einzelnen Gemeinde.
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