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Zenith will ins höchste Luxussegment – in Le Locle ist jeder zweite Job bedroht

Die Uhrenmarke von LVMH plant einen tiefgreifenden Umbau. Rund 100 Stellen stehen in der Neuenburger Manufaktur auf dem Spiel, weitere 100 im Ausland. Das Konsultationsverfahren ist eröffnet.

Redaktion 26news4 Min. Lesezeit
Neuenburg in der Schweiz.
Neuenburg in der Schweiz.

Bei der Uhrenmanufaktur Zenith in Le Locle droht ein massiver Stellenabbau. Die zum französischen Luxuskonzern LVMH gehörende Marke hat ihre Mitarbeitenden am Donnerstagmorgen, 22. Oktober, über einen Restrukturierungsplan informiert. Am Standort im Kanton Neuenburg könnten rund 100 der derzeit 200 Arbeitsplätze wegfallen. Etwa ebenso viele Stellen stehen ausserhalb der Schweiz auf dem Spiel. Zenith will sich künftig auf das höchste Segment der Uhrmacherei konzentrieren, die sogenannte Haute Horlogerie.

Damit verbindet die Unternehmensleitung eine strategische Neuausrichtung mit einem weitreichenden Eingriff in die Betriebsstruktur. In der Schweiz wurde ein Konsultationsverfahren im Hinblick auf eine Massenentlassung eröffnet. Die genannten Stellenzahlen beschreiben deshalb den geplanten Umfang des Abbaus, nicht bereits definitiv ausgesprochene Kündigungen. Für die Belegschaft beginnt dennoch eine Phase erheblicher Unsicherheit: In Le Locle ist rechnerisch jeder zweite Arbeitsplatz betroffen.

Ein neues Geschäftsmodell für Zenith

Zenith sucht seit längerem nach einer neuen Dynamik. Nun setzt die Führung auf eine stärkere Positionierung ganz oben im Luxusmarkt. Haute Horlogerie bezeichnet anspruchsvolle Uhrmacherkunst, bei der technische Raffinesse, aufwendige Verarbeitung und handwerkliche Leistungen im Vordergrund stehen. Der Begriff ist allerdings keine einheitlich abgegrenzte Preiskategorie. Aus der angekündigten Neuausrichtung allein lassen sich deshalb noch keine konkreten künftigen Verkaufspreise oder Produktionsmengen ableiten.

Die operative Struktur soll diesem Kurs angepasst werden. Dazu gehört nicht nur der mögliche Abbau in der Neuenburger Manufaktur. Auch das internationale Vertriebs- und Boutiquennetz soll verkleinert werden. Dort sind rund 100 weitere Stellen gefährdet. Der Umbau erfasst somit sowohl den Schweizer Standort als auch die Organisation, über die Zenith seine Uhren im Ausland verkauft.

Welche Abteilungen in Le Locle besonders betroffen wären und welche Boutiquen oder Vertriebseinheiten im Ausland wegfallen könnten, ist bislang nicht konkretisiert. Ebenso bleibt offen, mit welchen Modellen und in welchem zeitlichen Rahmen die Marke ihre neue Positionierung umsetzen will. Die strategische Richtung ist benannt; ihre praktische Ausgestaltung wird für Mitarbeitende und Geschäftspartner entscheidend sein.

Die Führung sieht einen dauerhaft veränderten Markt

Konzernmarkenchef Benoit de Clerck, der Zenith seit Januar 2024 führt, wandte sich am Donnerstagmorgen an die Belegschaft. Er begründete den Schritt mit einer schwierigen Lage in jenem Marktsegment, das er als mittleres Segment bezeichnete. Seine Einschätzung geht über eine vorübergehende Absatzschwäche hinaus: Aus Sicht der Führung haben sich die Marktbedingungen dauerhaft verändert.

De Clerck nannte den starken Franken, die amerikanischen Zölle sowie Rückgänge in wichtigen Absatzmärkten wie dem Nahen Osten und Asien. Er verwies zudem auf Restrukturierungsankündigungen von Konkurrenten, darunter jüngst Montblanc in Le Locle. Damit stellte er den geplanten Umbau in einen breiteren Zusammenhang, ohne die Probleme von Zenith allein mit unternehmensinternen Faktoren zu erklären.

Für Schweizer Uhrenhersteller ist der Wechselkurs grundsätzlich von grosser Bedeutung. Ein wesentlicher Teil ihrer Kosten fällt in der Schweiz an, während sie ihre Produkte weltweit verkaufen. Ein starker Franken kann die Wettbewerbsfähigkeit im Ausland belasten oder die Marge schmälern. Zölle erschweren den Zugang zu Absatzmärkten zusätzlich. Wie gross der jeweilige Einfluss dieser Faktoren auf Zenith ist, lässt sich aus den bisher bekannten Angaben jedoch nicht beziffern.

Als Stärken der Marke hob de Clerck deren Geschichte, das uhrmacherische Wissen und die besonderen Uhrwerke hervor. Auf diesen Eigenschaften soll offenbar auch die Neupositionierung aufbauen. Ob die Konzentration auf das höchste Marktsegment ausreicht, um die wirtschaftliche Lage nachhaltig zu verbessern, muss sich erst zeigen.

Für Le Locle geht es um industrielle Substanz

In Le Locle trifft die Ankündigung einen Standort, dessen Identität eng mit der Uhrenindustrie verbunden ist. Die Stadt gehört zusammen mit La Chaux-de-Fonds zum Unesco-Welterbe der Uhrenstadtlandschaft. Uhrmacherei ist hier nicht nur ein Exportgeschäft, sondern prägt Ausbildung, Berufswege und das wirtschaftliche Umfeld.

Der mögliche Verlust von rund 100 Stellen wiegt deshalb über den einzelnen Betrieb hinaus. In einer Manufaktur sind spezialisierte Fähigkeiten und eingespielte Arbeitsabläufe zentral. Ein Stellenabbau dieser Grössenordnung wirft die Frage auf, wie Zenith das für die neue Strategie benötigte Wissen am Standort sichert. Gerade der Anspruch, im höchsten Segment zu wachsen, macht die handwerkliche und technische Kompetenz besonders wichtig.

Mögliche Folgen für lokale Zulieferer und Dienstleister sind noch nicht beziffert. Ebenso wenig ist bekannt, welche Berufsgruppen betroffen wären. Fest steht jedoch die Dimension innerhalb des Unternehmens: Eine Halbierung der Belegschaft würde die Manufaktur in Le Locle grundlegend verändern.

Was das Konsultationsverfahren bedeutet

Der nächste entscheidende Schritt ist das eröffnete Konsultationsverfahren. Bei einer geplanten Massenentlassung gibt das Schweizer Arbeitsrecht den Mitarbeitenden beziehungsweise ihrer Vertretung die Möglichkeit, Vorschläge einzubringen. Diese können darauf abzielen, Kündigungen zu vermeiden, deren Zahl zu verringern oder die Folgen abzufedern. Die Konsultation ist damit ein wesentlicher Teil des Verfahrens, aber keine Garantie gegen Entlassungen.

Angaben zur Dauer der Konsultation, zu einem möglichen Sozialplan und zum genauen Zeitplan des Umbaus liegen bisher nicht vor. Für die Beschäftigten steht nun im Zentrum, ob sich der angekündigte Abbau noch begrenzen lässt. Für Zenith wird entscheidend sein, wie die Marke ihre anspruchsvollere Positionierung mit einer deutlich kleineren Organisation verbinden kann.

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