26news – Schweiz · Suisse · Svizzera · Switzerland

Schweizer Geisel Claudia Abbt nach 18 Monaten offenbar frei

Die 69-jährige Schweizerin ist zusammen mit einer österreichischen Geisel offenbar in Bengasi eingetroffen. Ein Video zeigt die beiden Frauen. Die Bestätigung des EDA steht noch aus.

Redaktion 26news3 Min. Lesezeit
Die Gamal-Abdulnasser-Strasse in Bengasi bei Nacht.
Die Gamal-Abdulnasser-Strasse in Bengasi bei Nacht.

Die im Niger entführte Schweizerin Claudia Abbt ist nach rund eineinhalb Jahren Gefangenschaft offenbar freigelassen worden. Die 69-Jährige soll zusammen mit der österreichischen Geisel Eva Gretzmacher in der Nacht auf Donnerstag, 22. Oktober, in Bengasi im Osten Libyens eingetroffen sein. In einem Video erklären beide Frauen, wieder frei zu sein. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat die Freilassung am Donnerstagmorgen zunächst nicht bestätigt.

Damit zeichnet sich für die beiden Frauen das Ende einer langen Geiselhaft ab. Abbt war im April 2025 in der nigrischen Stadt Agadez verschleppt worden, Gretzmacher bereits drei Monate zuvor. Beide hatten dort gelebt und sich mit eigenen Projekten engagiert. Wie ihre Freilassung zustande kam und wann sie Libyen verlassen können, ist noch offen.

«Jetzt bin ich froh, frei zu sein»

Die Aufnahmen zeigen zwei erschöpft wirkende Frauen. Sie sitzen unter einem Porträt von Marschall Khalifa Haftar, dem mächtigen Militärführer im Osten Libyens, und sprechen auf Französisch. Abbt stellt sich mit Namen, Nationalität und Alter vor. Dann sagt sie: «Ich wurde vor einem Jahr und sechs Monaten als Geisel genommen. Jetzt bin ich froh, frei zu sein.»

Auch die 76-jährige Gretzmacher nennt ihren Namen und ihr Alter. Ihre Gefangenschaft habe ein Jahr und neun Monate gedauert. Beide Frauen bedanken sich bei Khalifa Haftar und dessen Sohn Saddam Haftar. Dieser soll sich auf Bitten der Familien für ihre Freilassung eingesetzt haben. Saddam Haftar ist Generalleutnant und stellvertretender Oberbefehlshaber im Machtapparat seines Vaters.

Der Auftritt der beiden Frauen ist ein wichtiges Lebenszeichen und ein deutlicher Hinweis auf ihre Freilassung. Er beantwortet jedoch nicht alle Fragen. Aus ihrem erschöpften Erscheinungsbild lässt sich keine medizinische Beurteilung ableiten. Auch über ihre aktuelle Betreuung und die nächsten Schritte für eine Ausreise liegen noch keine Angaben vor. Die ausstehende Bestätigung durch das EDA bleibt deshalb für die Schweiz wesentlich.

Zwei Entführungen in derselben Stadt

Abbt wurde am 13. April 2025 aus ihrem Zuhause in Agadez verschleppt. Die Stadt liegt im Norden Nigers am Rand der Sahara. Die Schweizerin ist mit einem Nigrer verheiratet und gründete die Organisation Tellit, die Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker unterstützt. Ihr Leben war damit eng mit der Stadt und der lokalen Bevölkerung verbunden.

Gretzmacher war 1997 nach Agadez gezogen und hatte dort während fast drei Jahrzehnten mit Jugendlichen gearbeitet. Am Abend des 11. Januar 2025 drangen bewaffnete Männer in ihr Haus ein. Sie zwangen die Österreicherin in einen Geländewagen und verschleppten sie. Die beiden Frauen wurden somit nicht gemeinsam, sondern im Abstand von rund drei Monaten entführt.

Die Terrormiliz Islamischer Staat in der Grösseren Sahara reklamierte die Entführungen für sich. Ende April 2025 veröffentlichte sie ein Foto von Gretzmacher. Die Frauen sollen im Grenzgebiet zwischen Niger und Mali festgehalten worden sein. Genauere Angaben zu ihren Aufenthaltsorten während der Gefangenschaft sind nicht bekannt. Ebenso bleibt offen, auf welchem Weg sie nun nach Bengasi gelangten.

Bern hielt den Kontakt zu Niger aufrecht

Für die Schweizer Behörden war Abbts Schicksal wiederholt Gegenstand von Gesprächen mit den Behörden in Niamey, der Hauptstadt Nigers. Bern hielt die Kontakte auch nach dem Militärputsch aufrecht. Anders als Frankreich brach die Schweiz den Austausch mit den nigrischen Machthabern nicht ab. Damit blieben Gesprächskanäle bestehen, über die auch der Entführungsfall angesprochen werden konnte.

Welche Rolle diese Kontakte bei der mutmasslichen Freilassung spielten, lässt sich derzeit nicht sagen. Aus der Tatsache, dass Gespräche geführt wurden, kann kein konkreter Beitrag zu diesem Ausgang abgeleitet werden. Ebenso wenig ist bekannt, ob Schweizer Vertreter an der Übergabe oder am Transfer nach Libyen beteiligt waren. Öffentlich steht bislang die behauptete Vermittlung Saddam Haftars im Vordergrund.

Für die Angehörigen dürfte nun vor allem entscheidend sein, ob die Frauen sicher betreut werden und wann ein Wiedersehen möglich ist. Ein Termin für eine Rückkehr der Schweizerin ist bisher nicht bekannt. Auch zu den Bedingungen der Freilassung gibt es keine gesicherten Angaben. Ob Gegenleistungen vereinbart wurden, bleibt offen.

Bengasi liegt im Machtgebiet Haftars

Dass die Frauen in Bengasi auftreten, macht den politischen Hintergrund der mutmasslichen Vermittlung wichtig. Libyen ist seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 tief gespalten. Zwei rivalisierende Regierungen ringen um die Macht: In Tripolis sitzt die von der UNO anerkannte Regierung von Abdelhamid Dbeibah. Im Osten besteht eine weitere Regierung, deren Macht auf Khalifa Haftar und dessen Umfeld beruht.

Die Rolle seines Sohnes bei der Freilassung ist bisher nicht im Einzelnen geklärt. Der Dank der Frauen dokumentiert, wem sie ihre Befreiung zuschreiben; die Abläufe der Verhandlungen legt er nicht offen. Als Nächstes stehen deshalb die offizielle Bestätigung, Klarheit über den Zustand der beiden Frauen und ihre sichere Weiterreise im Zentrum. Für die Schweiz wäre damit ein Entführungsfall beendet, der seit April 2025 andauert.

Das könnte Sie auch interessieren