Nestlé wächst stärker als erwartet – doch Russland kostet 1,6 Milliarden an Vermögenswerten
Mehr Absatz statt bloss höherer Preise: Nestlé gewinnt unter Philipp Navratil an Schwung. Gleichzeitig verliert der Konzern die Kontrolle über sein Russlandgeschäft.

Nestlé verkauft wieder deutlich mehr Produkte und kommt damit beim Konzernumbau voran. Der Nahrungsmittelkonzern mit Sitz in Vevey hat im dritten Quartal 2026 ein organisches Umsatzwachstum von 4 Prozent erzielt. Vor allem die steigenden Verkaufsvolumen sorgten dafür, dass die am Donnerstag, 22. Oktober, veröffentlichten Zahlen die Erwartungen übertrafen. Gleichzeitig zieht Nestlé einschneidende Konsequenzen aus der russischen Zwangsverwaltung: Das dortige Geschäft wird nicht mehr konsolidiert, Vermögenswerte von 1,6 Milliarden Franken wurden ausgebucht.
Die beiden Entwicklungen zeigen, wie unterschiedlich die Herausforderungen für den Schweizer Konzern derzeit sind. Im Kerngeschäft gewinnt die Erholung an Breite. In Russland bestimmt dagegen die Politik darüber, ob Nestlé noch über seine Aktivitäten verfügen kann.
Mehr Nachfrage in allen Absatzregionen
Der Quartalsumsatz erreichte 22,8 Milliarden Franken. Entscheidend für die Beurteilung der Geschäftsentwicklung ist jedoch das interne Realwachstum, das Nestlé als «real internal growth», kurz RIG, bezeichnet. Diese Kennzahl lag bei 2,8 Prozent. Analysten hatten lediglich 1,5 Prozent erwartet. Der Preiseffekt betrug 1,1 Prozent.
Damit übertraf Konzernchef Philipp Navratil auch seine eigene längerfristige Zielmarke: Er strebt ein dauerhaftes internes Realwachstum von mehr als 2 Prozent an. Im dritten Quartal lag Nestlé erstmals seit mehr als vier Jahren wieder deutlich darüber. Für den Konzern ist das ein wichtiger Fortschritt, nachdem das Geschäft jahrelang von Preiserhöhungen, schwachen Verkaufsvolumen und Problemen bei der Umsetzung geprägt war.
Das Verkaufsvolumen stieg in sämtlichen Absatzregionen. Besonders gut entwickelten sich die Schwellenländer. Auch in Nordamerika setzte Nestlé mehr Produkte ab, obwohl die Inflation auf die Konsumentenstimmung drückt. Konzernweit war insbesondere Tiernahrung gefragt. Dieses Geschäft steht für rund einen Viertel des Nestlé-Umsatzes und hat damit erhebliches Gewicht.
Über die ersten neun Monate beträgt das organische Wachstum 3,7 Prozent. Davon entfallen 1,9 Prozentpunkte auf das interne Realwachstum. Der ausgewiesene Umsatz seit Januar blieb mit 65,9 Milliarden Franken stabil. Organisches Wachstum und Umsatz in Franken sind dabei unterschiedliche Grössen: Die organische Kennzahl blendet unter anderem Wechselkurseffekte sowie Veränderungen des Konzernportfolios aus.
Navratils Umbau erhält Rückenwind
Navratil führt Nestlé seit etwas mehr als einem Jahr. Gemeinsam mit dem neuen Verwaltungsratspräsidenten Pablo Isla soll er den weltgrössten Nahrungsmittelkonzern nach personellen Turbulenzen stabilisieren und wieder auf einen verlässlichen Wachstumskurs bringen. Zum Konzern gehören Marken wie Nespresso, Maggi und Kitkat; weltweit beschäftigt er rund 270 000 Mitarbeitende.
Der stärkere Absatz ist für diese Aufgabe besonders wichtig. Höhere Preise können den Umsatz zwar kurzfristig stützen. Steigende Verkaufsvolumen zeigen jedoch deutlicher, ob die Nachfrage nach den Produkten trägt. Dass die Verbesserung nun sämtliche Regionen erfasst, macht die jüngsten Zahlen aussagekräftiger als einen Aufschwung, der nur auf einzelne Märkte beschränkt wäre.
Nestlé will seine Mittel stärker auf besonders wettbewerbsfähige Geschäfte und Bereiche mit hohem Potenzial konzentrieren. Dazu gehört auch die Straffung des Portfolios. Im September vereinbarte der Konzern den Verkauf seines Endkundengeschäfts mit Vitaminen, Mineralstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln für eine Milliarde Dollar. Die Vereinbarung ist Teil dieses Umbaus; aus ihr lässt sich noch kein vollzogener Verkauf ableiten.
Für Schweizer Anlegerinnen und Anleger bleibt allerdings entscheidend, ob aus einem starken Quartal eine beständige Entwicklung wird. Der Aktienkurs hatte sich seit Navratils Amtsantritt bislang kaum erholt, auch wenn die Tendenz in den vergangenen Wochen positiv war.
Russlandgeschäft fällt aus der Konzernrechnung
Den operativen Fortschritten steht der Verlust der Kontrolle in Russland gegenüber. Im September hatte Präsident Wladimir Putin angekündigt, das Russlandgeschäft von Nestlé unter Zwangsverwaltung zu stellen. Nestlé hat die Aktivitäten deshalb per Ende September entkonsolidiert. Sie werden damit nicht mehr als kontrollierter Teil des Konzerns in dessen Rechnung einbezogen.
Die Ausbuchung betrifft Vermögenswerte von 1,6 Milliarden Franken. Auf die veröffentlichten Umsatzzahlen hat dieser Schritt keine Auswirkungen: Nestlé klammert das Russlandgeschäft seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 bei diesen Geschäftszahlen aus. Die Auswirkungen auf den Gewinn 2026 bezeichnet der Konzern als begrenzt.
Wirtschaftlich ist das Geschäft dennoch nicht unbedeutend. Es entspricht rund 2 Prozent des Konzernumsatzes und trägt 3 bis 4 Prozent zum Betriebsgewinn bei. Zugleich war Nestlés Verbleib in Russland wiederholt auf Kritik gestossen. Das Unternehmen begründete seine Präsenz damit, die Bevölkerung weiterhin mit grundlegenden Lebensmitteln versorgen zu wollen.
Ob Nestlé die Kontrolle zurückerhalten kann, bleibt offen. Putin hatte eine Rückgabe unter bestimmten Bedingungen in Aussicht gestellt. Bei anderen Unternehmen unter Zwangsverwaltung kam es in der Vergangenheit jedoch häufig zu erzwungenen Verkäufen an Personen aus seinem Umfeld. Für Nestlé ist dies ebenfalls ein mögliches Szenario, aber kein feststehender Ausgang.
Jetzt zählt die Beständigkeit
Für das Gesamtjahr erwartet Nestlé eine höhere operative Gewinnmarge und einen freien Cashflow von mehr als 9 Milliarden Franken. Dieser Mittelzufluss ist für die Finanzierung der Dividende wichtig. Eine Erhöhung erscheint damit möglich, ist durch die Quartalszahlen aber nicht beschlossen.
Die nächste Bewährungsprobe besteht darin, den stärkeren Absatz zu halten und zugleich die Profitabilität zu verbessern. Vontobel-Analyst Jean-Philippe Bertschy fasst die Herausforderung so zusammen: «Die Erholung gewinnt an Glaubwürdigkeit, doch die Beständigkeit bleibt die eigentliche Bewährungsprobe.»
Für den Schweizer Konzern überlagern sich damit zwei Aufgaben: Navratil muss aus dem jüngsten Wachstum einen dauerhaften Trend machen. Im Russlandgeschäft muss Nestlé dagegen mit einer Situation umgehen, deren weiteren Verlauf das Unternehmen derzeit nicht selbst kontrolliert.
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