Übergriff im St. Galler Bus: Frauen fordern Schutz auf der Fahrt
Nach mutmasslicher sexueller Belästigung auf der Linie 9 prüfen die Verkehrsbetriebe zusätzliche Sicherheitsmassnahmen. Betroffene schildern, wie die Angst ihren Alltag verändert.

Ein mutmasslicher sexueller Übergriff auf zwei Studentinnen in einem Bus der St. Galler Linie 9 wirft Fragen zur Sicherheit im öffentlichen Verkehr auf. Ein Mann soll während der Fahrt neben den Frauen masturbiert haben. Eine Studentin bemerkte nach dem Aussteigen Sperma an ihrer Hose. Nun prüfen die Verkehrsbetriebe St. Gallen zusätzliche Schutzmassnahmen. Frauen fordern mehr sichtbare Präsenz und schildern, wie sie aus Angst vor Belästigung ihre Wege verändern.
Als der Mann erneut auftauchte, hielt ihn eine der Studentinnen mit Unterstützung weiterer Fahrgäste bis zum Eintreffen der Polizei fest. Gegen den Beschuldigten, einen 39-jährigen Schweizer, wurde eine 30-tägige Fernhaltung für das Gelände der Universität St. Gallen erlassen. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Einer der betroffenen Studentinnen reicht diese Massnahme nicht. Sie verweist darauf, dass der Ort des Geschehens nicht der Campus war: «Eigentlich bräuchte es Massnahmen im öffentlichen Verkehr, alle Vorfälle haben sich dort ereignet.» Damit steht eine konkrete Frage im Zentrum: Wie lässt sich der Schutz dort verbessern, wo die Frauen unterwegs sind?
Sicherheitspersonal wird geprüft
Die Verkehrsbetriebe St. Gallen prüfen zusätzliche Massnahmen, darunter den Einsatz von Sicherheitspersonal. Ein beschlossener Einsatz oder ein konkreter Zeitplan dafür ist bislang nicht bekannt. Die Prüfung ist damit noch keine Zusage, dass künftig auf der betroffenen Linie Sicherheitspersonal mitfahren wird.
Bereits heute verfügen die Busse über Videoüberwachung. Die Aufzeichnungen werden während drei Tagen gespeichert und können bei polizeilichen Ermittlungen hilfreich sein. Diese kurze Aufbewahrungsdauer macht eine rasche Meldung wichtig, wenn Aufnahmen zur Klärung eines Vorfalls beitragen sollen.
Christie Koller, Leiterin Kommunikation und Unternehmensentwicklung der Verkehrsbetriebe, erklärt: «Wir empfehlen unseren Fahrgästen, verdächtige Beobachtungen oder Vorfälle umgehend dem Fahrpersonal oder telefonisch den VBSG zu melden. Bei sexuellen Übergriffen sollte zudem unverzüglich die Polizei verständigt werden, damit rasch reagiert werden kann.»
Die Hinweise betreffen nicht nur Betroffene, sondern auch Fahrgäste, die etwas beobachten. Im geschilderten Fall halfen Mitreisende einer Studentin, den mutmasslichen Täter bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten. Das zeigt die Bedeutung aufmerksamer Fahrgäste, ersetzt aber keine Antwort darauf, welche zusätzlichen Schutzmassnahmen die Verkehrsbetriebe treffen werden.
Wenn die Angst den Heimweg bestimmt
Die Reaktionen von Frauen zeigen, dass sich Unsicherheit nicht auf den Moment eines Übergriffs beschränkt. Sie beeinflusst, ob jemand einen Bus nimmt, nachts allein unterwegs ist oder für den Heimweg eine andere Möglichkeit sucht. In den sozialen Netzwerken schreibt eine Frau, sie verzichte inzwischen ganz auf den öffentlichen Verkehr.
Andere wünschen sich weniger volle Fahrzeuge. Ihr Argument: In dicht besetzten Bussen sei schlechter zu erkennen, wenn jemand übergriffig werde – sowohl für Mitreisende als auch für Kameras. Eine weitere Forderung ist, dass die Polizei häufiger zu Fuss unterwegs sein und in Busse und Züge einsteigen sollte. Sichtbare Präsenz soll dazu beitragen, dass Fahrgäste sich ohne Angst bewegen können.
Auch persönliche Schutzstrategien kommen zur Sprache. Paula setzt Kopfhörer auf, um nicht angesprochen zu werden. Sollte etwas geschehen, würde sie ihr Handy zum Filmen hervornehmen. Diese Möglichkeit gebe ihr ein Gefühl von Sicherheit.
Lilith, 27, zieht für späte Heimwege Konsequenzen: «Ich fahre nachts kaum mehr ÖV, sondern bestelle ein Uber bis zu mir nach Hause.» Die ebenfalls 27-jährige Meera fordert, dass Männer stärker über das Thema sprechen. «Sie wissen oft nicht, wie sehr uns dieses Thema beschäftigt.» Ihr Wunsch ist deutlich: «Ich will mich nicht mehr unsicher fühlen – ich will diese Angst nicht mehr verspüren.»
Meldungen sollen Muster sichtbar machen
In der Stadtpolitik fordert Lydia Wenger, Co-Fraktionspräsidentin der SP, den Schutz der Betroffenen von Anfang an mitzudenken. «Entscheidend ist, dass die Massnahmen wirksam sind und Sicherheit schaffen.» Wenger hatte sich für ein Meldetool gegen sexuelle Belästigung engagiert.
Seit August bietet die Stadt St. Gallen eine anonyme Meldemöglichkeit für sexuelle Belästigung und andere Diskriminierungen an. Dort können auch Vorfälle im öffentlichen Raum erfasst werden. Das Instrument soll Muster sichtbar machen. Eine Anzeige bei der Polizei ersetzt es nicht.
Dass Belästigung im öffentlichen Verkehr über den aktuellen Fall hinausreicht, zeigt eine Befragung von mehr als 4400 Frauen aus dem Jahr 2019. Damals gaben 46 Prozent an, im ÖV bereits Belästigung erlebt zu haben. Die Zahl beschreibt Erfahrungen der befragten Frauen; sie erlaubt keine Aussage darüber, wie häufig solche Vorfälle heute auf einzelnen St. Galler Buslinien vorkommen.
Dichterer Takt ab Dezember
Für die Linie 9, die unter anderem zur Universität führt, kündigen die Verkehrsbetriebe auf den Fahrplanwechsel im Dezember Änderungen an. Die Busse sollen bis ungefähr 20 Uhr im Viertelstundentakt verkehren. Während der morgendlichen Spitzenzeiten und der Vorlesungszeiten ist zudem ein Shuttlebus zwischen dem Bahnhof St. Gallen und der Universität vorgesehen.
Ein dichteres Angebot kann mehr Fahrtmöglichkeiten schaffen. Ob es auch das Sicherheitsgefühl verbessert, bleibt offen. Ebenso offen ist, welche zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen aus der laufenden Prüfung hervorgehen. Für die betroffenen Frauen geht es um eine grundlegende Erwartung: Der Weg zur Universität und nach Hause soll möglich sein, ohne aus Angst auf den öffentlichen Verkehr verzichten zu müssen.
Das könnte Sie auch interessieren
Skyguide behebt Radarstörung – Schweizer Luftraum bleibt vorerst eingeschränkt
3′
Schnee bis auf 1600 Meter: Kaltfront bringt der Schweiz den nächsten Wetterwechsel
3′

Pestizide im Schweizer Wasser: Neue WWF-Karten machen die Belastung sichtbar
3′
Einzug ins Koch-Quartier verschoben: Rund 300 Menschen brauchen eine Zwischenlösung
4′
Neue Schweizer ID ab 2. November: Was sich ändert – und warum die alte gültig bleibt
3′
Tödlicher Wohnungsbrand in Lugano: Dichter Rauch, kaum sichtbare Flammen
3′
