700 Millionen mehr: Warum Frankreichs Uhrenboom Fragen aufwirft
Frankreich ist in der Exportstatistik plötzlich der zweitwichtigste Markt für Schweizer Uhren. Doch eine geänderte Zolldeklaration verzerrt das Bild – und sorgt für einen Konflikt mit den Behörden.

Die Schweizer Uhrenexporte nach Frankreich sind in den ersten neun Monaten 2026 um 80 Prozent gestiegen: Die offizielle Statistik des Bundes weist Lieferungen im Wert von knapp 1,7 Milliarden Franken aus, über 700 Millionen Franken mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit liegt Frankreich hinter den USA plötzlich auf Platz zwei der wichtigsten Absatzmärkte. Doch hinter dem Rekord steckt zumindest teilweise eine Änderung bei den Zolldeklarationen – und nicht ein entsprechender Kaufrausch französischer Kundinnen und Kunden.
Mindestens ein grosser Schweizer Uhrenhersteller hat vor einigen Monaten umgestellt, welches Land er in den Zollpapieren als Destination angibt. Statt des Landes, für das eine Uhr letztlich bestimmt ist, erscheint nun Frankreich. Dort werden die Uhren jedoch teilweise nur zwischengelagert und anschliessend in andere Märkte weitergeleitet. Die Zollbehörden sind mit diesem Vorgehen nicht einverstanden. Damit steht auch die Aussagekraft der aktuellen Länderstatistik infrage.
Ein Rekord mit auffälligen Gegenbewegungen
Für sich betrachtet vermitteln die französischen Zahlen das Bild eines aussergewöhnlichen Aufschwungs. Noch nie waren die ausgewiesenen Schweizer Uhrenexporte nach Frankreich so hoch. Ein Plus von 80 Prozent innerhalb der ersten neun Monate verändert nicht nur die Position eines einzelnen Landes, sondern die Rangfolge der wichtigsten Märkte der Branche.
Gleichzeitig zeigen andere europäische Länder starke Rückgänge. Die Lieferungen nach Spanien liegen in derselben Periode um 38 Prozent unter dem Vorjahreswert. Für Belgien beträgt das Minus 34 Prozent, für die Niederlande 28 Prozent. Auch weitere Länder weisen Rückgänge auf.
Diese Gegenbewegungen sind für die Interpretation entscheidend. Wird eine Lieferung neu Frankreich zugerechnet, obwohl die Uhr später beispielsweise nach Spanien gelangt, steigt der französische Wert. Beim tatsächlichen Bestimmungsland fehlt dagegen ein Export, der nach der früheren Methode dort erfasst worden wäre. Ein Teil der Verschiebung zwischen den Märkten lässt sich so erklären, ohne dass sich am Weg der Uhr zum Endkunden etwas ändern muss.
Wie gross dieser statistische Anteil genau ist, bleibt allerdings offen. Aus den vorliegenden Angaben lässt sich weder ableiten, dass der gesamte französische Zuwachs auf die neue Deklaration zurückgeht, noch dass die Rückgänge in den anderen Ländern vollständig dadurch verursacht werden. Die Prozentzahlen allein erlauben deshalb keine verlässliche Aussage darüber, wie sich die Nachfrage in den betroffenen Märkten entwickelt hat.
Eine bekannte Drehscheibe, kein neues Verteilzentrum
Frankreich dient der Schweizer Uhrenindustrie schon länger als Drehscheibe. Ein Teil der dorthin gelieferten Uhren wird im Land verkauft, ein grosser Teil gelangt anschliessend in andere Märkte. Dass Waren über Frankreich verteilt werden, ist somit nicht neu. Neu ist zumindest bei einem grossen Hersteller die Art, wie diese Lieferungen in den Zollpapieren erscheinen.
Der sprunghafte Anstieg hatte in der Branche Spekulationen ausgelöst, Frankreich werde als neuer Verteilstandort aufgebaut, möglicherweise auch mit Blick auf potenzielle US-Zölle. Die Antworten der grossen Hersteller stützen diese Erklärung jedoch nicht: Keiner von ihnen hat in Frankreich ein neues Verteilzentrum eingerichtet.
Die Unterscheidung ist wesentlich. Ein zusätzliches Lager oder eine neue Vertriebsstruktur wäre eine operative Veränderung. Eine andere Länderangabe auf einem Zollformular kann dagegen die Statistik stark verschieben, selbst wenn die bestehende Drehscheibe weiterhin dieselbe Funktion erfüllt. Genau dieser statistische Effekt steht nun im Zentrum des Konflikts.
Warum die Zollbehörden widersprechen
Die Regeln verlangen, dass in den Zollpapieren die Zieldestination der Ware aufgeführt wird und nicht ein Zwischenlager in einem Drittland. Frankreich als Umschlagplatz anzugeben, obwohl die Uhr für einen anderen Markt bestimmt ist, entspricht nach Auffassung der Zollbehörden nicht dieser Vorgabe.
Weshalb die Deklaration geändert wurde, ist unklar. Ebenso lässt sich derzeit nicht abschliessend sagen, ob mehrere Firmen gleich vorgehen. Gesichert ist die methodische Anpassung bei mindestens einem grossen Schweizer Hersteller. Weitergehende Rückschlüsse auf die Motive wären deshalb spekulativ.
Der Konflikt betrifft damit mehr als eine technische Formalität. Exportstatistiken sollen Entwicklungen über die Zeit vergleichbar machen. Ändert sich die Zuordnung einer Lieferung, ohne dass dies bei der Auswertung berücksichtigt wird, stehen alte und neue Länderwerte nicht mehr auf derselben Grundlage. Ein scheinbarer Boom und ein scheinbarer Einbruch können dann teilweise zwei Seiten derselben Umbuchung sein.
Was die Zahlen für die Schweiz bedeuten
Für die stark exportorientierte Schweizer Uhrenindustrie ist eine verlässliche Einordnung ihrer Absatzmärkte besonders wichtig. Auch in den Uhrenregionen des Jurabogens macht es einen Unterschied, ob ein Markt tatsächlich mehr Uhren aufnimmt oder ob Lieferungen lediglich anders verbucht werden. Der französische Rekord allein ist deshalb kein Beleg für zusätzliche Nachfrage und erlaubt keine Rückschlüsse auf eine entsprechend stärkere Auslastung der Schweizer Produktion.
Die Zollbehörden halten eine erneute Revision der Statistik für möglich. Denkbar ist auch, dass künftig wieder das Land des Endkunden statt Frankreich als Zielort deklariert wird. Ob und wann dies geschieht, ist noch offen.
Frankreich könnte dadurch in der Rangliste ebenso rasch wieder an Bedeutung verlieren, wie es aufgestiegen ist. Bis die Zuordnung geklärt ist, bleibt sein zweiter Platz vor allem eines: eine Position in der offiziellen Exportstatistik, deren wirtschaftliche Bedeutung sich nicht ungeprüft ablesen lässt.
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